Die Zukunft ist mobil: Zehn Takeaways von der World Publishing Expo 2013

Zeitungs-Designer Mario Garcia auf der World Publishing Expo 2013Smartphones und Tablets sind auf dem besten Weg, nach dem Papier auch den Computerbildschirm als Ausgabemedien für journalistische Inhalte den Rang abzulaufen. Zugleich werden attraktive interaktive Anwendungen der Werbetreibenden zur Konkurrenz für die Verlage beim Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Das sind Erkenntnisse, die ich vom Tablet & App Summit auf der diesjährigen World Publishing Expo in Berlin mitgenommen habe. Zehn Takeaways:

1. “Mobile first”: Mobile Geräte stellen den Computerbildschirm beim klassichen Zeitungskonsumenten zunehmend in den Schatten. Der typische Leser der britischen Daily Mail ist 58 Jahre alt und Computer-abstinent, liebt aber das iPad. In einem von fünf Daily-Mail-Leserhaushalten existiert bereits ein Tablet.

2. “Think mobile” bedeutet aber, Inhalte nicht nur auf mobilen Endgeräten zu distribuieren, sondern sie für diese zu konzipieren. Eine Geschichte muss von Anfang an auch mobil gedacht und geplant werden.

3. “Keep the finger happy”: Die Zeitungs- und Webdesign Koryphäe Mario García ist überzeugt, dass haptische Interaktion mit dem Tablet einem Nutzerbedürfnis entspricht. Das ist nicht neu, aber in der Konsequenz bedeutet es, dass Inhalte von dieser Nutzungsweise her gedacht werden müssen.

4. “Mobil ist nicht gleich mobil”: Auf dem Smartphone sieht das schon wieder ganz anders aus: Hier wollen Nutzer ganz anders agieren – nämlich möglichst wenig und mit dem Daumen. Sie bevorzugen auch andere Inhalte: Kurze Texte und serviceorientierte Hinweise (Kinokarten online bestellen, Wege finden). Mario García geht so weit, bei der Planung einer Geschichte jeweils spezifische Umsetzungen für Print, Web, Smartphone und Tablet zu fordern.

5. “Mobile is more”: Der Verlag der kanadischen Zeitung “La Presse” steckte viele Millionen Euro in die Entwicklung ihrer Tablet App, um ein Nutzererlebnis zu erzeugen, das die Potenziale des Geräts ausschöpft. Heraus kam eine App, die sich grundlegend von der Zeitung unterscheidet. Im Mittelpunkt stehen Bilder, Interaktion und Service. So z.B. die Möglichkeit, Produkte online zu bestellen, ohne die App zu verlassen.

6. “Mobile editors”: Zwischen 36 und 40 Prozent der Zugriffe auf die Inhalte des Wall Street Journals kommen über mobile Endgeräte. Dennoch sind von rund 1800 Journalisten nur sieben Vollzeit für die mobilen Ausgaben auf Phone und Tablet zuständig. Für den stellvertretenden Strategiechef bei News Corp, Raju Narisetti, sind das viel zu wenig.

7. “Hire more enigneers”: In Narisettis Augen besteht die wichtigste Herausforderung darin, App-Entwickler und Journalisten zusammen zu bringen, um überzeugende Mobil-Inhalte zu entwickeln. Klar ist, dass es nicht genügt, eine App einmal entwickeln zu lassen und sie dann mit standardisierten Inhalten zu bespielen – mobile publishing ist ein ständiger “work in progress”.

8. “Paywalls lock out younger ones”. Guy Crevier, Präsident des kanadischen Zeitungsverlags Gesca, ist überzeugt: “Paywalls sind etwas für das Alter 55 plus. Sie schließen die jüngere Generation aus”. Folgerichtig ist die Tablet App der Tageszeitung La Presse kostenlos – und ganz auf jüngere Zielgruppen zugeschnitten. Bewusst hat man auf den Look and Feel der Print-Ausgabe verzichtet. Das Resultat: Laut Crevier jeden Tag 800 – 1200 neue App-Subscriber, ein Drittel davon jünger als 35 Jahre. Die Einnahmen stammen aus der Werbung, schwarze Zahlen erwarte Crevier in knapp zwei Jahren.

9. “Interactive advertisements lure users in”: Viel Geld hat das Gesca Verlagshaus in die Erforschung des Nutzerverhaltens gesteckt und dabei herausgefunden, dass Nutzer mit interaktiven Anzeigen in Tablet Apps bis zu 9 Sekunden im Durschnitt verbringen, während statische Anzeigen nur 3,4 Sekunden erreichen.  Das macht Zeitungs-Apps für Anzeigenkunden attraktiv und spricht für das Freemium-Modell von La Presse. Allerdings:

10. “Advertisers become storytellers”: Die Zeit, die Nutzer mit den interaktiven Anzeigen verbringen, geht von den journalistischen Inhalten ab. Die Werber entwickeln sich zunehmend zu raffinierten Storytellern. Sie entführen die Nutzer in Spielwelten oder Videos und brauchen dafür häufig nicht einmal die Apps der Verlage, sondern entwickeln ihre eigenen – sie werden damit zu einer echten Konkurrenz für journalistische Inhalte, warnt News Corp Stratege Raju Narisetti.


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