Das Abo-Modell der Zeitung hat im Netz keine Zukunft

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Die WELT lässt die Bezahlschranke ‘runter, und viele Verleger werden ihr folgen. Immerhin: Bei der Süddeutschen gleichen die iPad Abos mittlerweile Einbußen im rückläufigen Print-Geschäft aus, wenn man Online-Chefredakteur Stefan Plöchinger glauben darf. Das Abo-Modell, auf das die Verleger von Welt bis New York Times im Internet setzen, hat in meinen Augen dennoch keine Zukunft: Es setzt ein Leseverhalten voraus, das uns im Internet zunehmend abhanden kommt.

Ich bin durchaus bereit, für Journalismus im Internet zu bezahlen. Seit ich ein Tablet besitze, lade ich mir hin und wieder eine Ausgabe des SPIEGEL für 4,59 Euro herunter. Anders als früher, als ich mich im Bahnhofskiosk vor einer längeren Zugfahrt mit einer Print-Ausgabe eindeckte und diese dann von Stuttgart bis Köln durchackerte, lese ich jedoch kaum mehr als eine Handvoll Geschichten auf dem Tablet. Zu groß ist die Konkurrenz durch E-Mails, Facebook, Twitter, meinen „Must-Read“-Listen in Instapaper…, kurz: all den Dingen, die ich auf meinem Pad tun könnte oder sollte, anstatt SPIEGEL zu lesen. Und – schwupps – ist die Woche schon wieder rum und die neue Ausgabe wartet im Shop.

Das Internet hat mein Leseverhalten radikal verändert. Aber durchaus nicht zum Negativen: Ich fühle ich mich besser informiert als zu den Zeiten, in denen ich auf Tageszeitung, Wochenmagazin und Tagesschau angewiesen war. RSS, Podcasts und Google ermöglichen mir eine ganz andere Informationstiefe bei meinen Interessengebieten. Die redaktionelle Auswahl für Überraschendes, Wichtiges und Fachfremdes trifft die Twittergemeinde, die ich abonniert habe.

Die Vorstellung, mich auf ein Abo einer einzigen Quelle festzulegen, widerspricht diesem Nutzungsverhalten komplett. Zwar habe ich auch früher in den seltensten Fällen eine Zeitungsausgabe ausgeschöpft, aber es gab eben keine Wahl. Genau deswegen war ich auch noch nie ein Fan von Zeitungen: Schon immer hat mich das Prinzip „Nimm alles, behalte was dich interessiert“ frustriert. Wenn ich eine Zeitung abonniert hatte, dann weil mich bestimmte Autoren und Ressorts interessierten, die es anders nicht zu haben gab.

Ich habe auf  das Internet geradezu gewartet. Endlich kann ich mir mein Informationsbouquet in der gewünschten Breite und Tiefe selbst zusammenstellen. Zeitungen sind eine Stufe in der Evolution der Informationsvermittlung, die mit dem Internet eine neue Dimension erreicht hat, und es ist nur natürlich, dass sich der Mensch den neuen Möglichkeiten anpasst.  Der Netizen von heute und morgen legt sich nicht mehr auf ein General-Interest-Allround-Angebot fest. Er wird sein Budget in Abonnements von Special Interest Angeboten stecken, die ihn regelmäßig mit Updates von höchstmöglicher Informationstiefe versorgen oder seine Sprache sprechen; er wird alles andere, was ihn interessiert, über seine sozialen Netzwerke erfahren.

Allerdings: Das Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft, wir sind noch im Stadium des Chaos. Das Internet und die “sozialen Medien” haben eine unglaubliche Informationsflut entfesselt, die in manchem die Sehnsucht nach der alten Ordnung der Zeitungen weckt. Was mir fehlt, sind Modelle, die den Zeitaufwand fürs Filtern und Finden reduzieren und zugleich die Informationsauswahl und -tiefe auf meine Bedürfnisse hin optimieren. Dafür würde ich auch gerne Geld bezahlen.

Der erste Schritt wäre die Lese-Flatrate anstelle des oder alternativ zum Voll-Abo. Der zweite wäre ein darauf aufbauendes Modell, bei dem Algorithmen und Redakteure so zusammenarbeiten, dass ich ein maßgeschneiderte Informationsbouquet erhalte.

Wunschszenario 1: Lese-Flatrate

Für einen Betrag, dessen Höhe ich selber festlegen kann, erhalte ich freien Zugriff auf eine bestimmte Anzahl von kostenpflichtigen Artikeln einer Online-Nachrichtenmarke. Für 5 Euro bezahle ich also nicht die Einzelausgabe oder ein Monatsabo, sondern z. B. 50 Artikel, abrufbar über einen beliebigen Zeitraum.

Ist das Kontingent aufgebraucht, wird der Betrag automatisch von meinem Konto abgebucht. Das Abo ist jederzeit kündbar.

Wunschszenario 2: Das Makler-Modell

Für einen monatlichen Betrag an einen Aggregator, der mit möglichst vielen Medienmarken kooperiert, kann ich auf Inhalte hinter den Paywalls dieser Medien zugreifen.

Den Aggregator kann ich gemäß meiner Prioritäten und Interessensgebiete und Wuschautoren selbst konfigurieren.

Hinzubuchen kann ich die Dienste einer Redaktion aus Fleisch und Blut, die mir einen täglichen Digest von Kurznachrichten über die Themengebiete meiner Wahl zusammenstellt. Diese Meldungen müssten so auf den Punkt geschrieben sein, dass ich wie in einem Twitter-Stream das Wesentliche mit einem Blick erfassen kann. Einer dieser Streams hätte den Titel „Darüber redet man morgen in der Kantine“ (von VFB bis Gottschalk).

Weiteres Feature: Temporäre Special Interest Packages und Ausgaben zu aktuellen Themen ähnlich „Syria deeply“ die von einzelnen Redaktionen angeboten und im Aggregator dazugebucht werden könnten.

Ein Grund, warum die Verlage am Monats-Abo-Modell festhalten, ist natürlich die – nicht unberechtigte – Sorge, dass der Erfolg alternativer Bezahlmodellen am Ende weniger Absatz bedeuten könnte als heute noch das Voll-Abo. Und klar ist auch, dass ein Makler-Modell wie das beschriebene zu Gewinnern und Verlierern führen und manche Zeitung dazu zwingen würde, einschneidende Änderungen vorzunehmen. Die Evolution ist noch nicht so weit.


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