Instagram – der Niedergang der Fotografie?

Fotos sind das niederschwelligste Medium für die massentaugliche Kommunikation. Einen Text zu schreiben – und sei er noch so kurz – , der über den Freundeskreis hinaus Wirkung haben soll, ist weitaus schwerer, als mit dem Smartphone ein Foto zu schießen und es auf Instagram hochzuladen. 30 Millionen tun es. Und erzeugen eine Flut von Handyschnappschüssen im Retro-Look. Ist das der Niedergang der Fotografie?

„Was soll ich mich noch drum scheren, was meine Kamera da aufnimmt? Interessantes Motiv, goldener Schnitt, Objekt gut ausgeleuchtet? Egal! Einfach draufhalten und mal gucken, was Instagram draus macht,“

kritisiert Jürgen Vielmeier auf dem Basic Thinking Blog. Recht hat er.  Die Instagram-Welt ist in der Tat voll mit langweiligen Fotos, aufgepeppt durch Filter. Einerseits.

Andererseits ist sie auch voller Überraschungen und kreativer Ideen. Klar, da sind die üblichen Katzen- und Hundefotos, und seltsamerweise wird besonders gerne beim Essen mit dem Smartphone hantiert. Aber es scheint, als hätten die ästhetisierenden Filter schon vor ihrer Anwendung einen – durchaus positiven – Einfluss auf die Sehweise der Fotografen:

Man knipst nicht schnell mal irgendein Foto, um den anderen mitzuteilen “Ich war da!”. Man will mehr: Einen eigenen Stil entwickeln, überraschen, das Bild der Wirklichkeit verfremden – und sei’s nur das des Tellers Spaghetti auf dem Tisch.

Häufig sind es Momentaufnahmen oder Details, die auf Instagram hochgeladen werden, Lichtstimmungen, Strukturen, Perspektiven. Mit Instagram wird plötzlich auch das Banale zum Fotomotiv -  das Smartphone ist überall und jederzeit zur Hand.

Genau das ist, was mich an Instagram interessiert. Gerade das Banale kann sehr spannend sein. Die Filter können ein langweiliges Foto zwar oberflächlich aufhübschen, aber nicht wirklich in ein gutes verwandeln – andererseits können sie durchaus das Wesentliche einer gelungenen Aufnahme verstärken. Die Filter funktionieren als Belohnungssystem: sie bieten dem Fotografen unmittelbare Gratifikation, weil jedes Foto damit fast immer interessanter aussieht -  und damit Motiviation. Hinzu kommt die sehr einfache Handhabung, die Spontaneität begünstigt und die Schwelle auch für Laien sehr niedrig macht und nicht zuletzt die Community, die beeindruckt werden will.

Kurz: Wo immer Amateure zum Werzeug greifen, fürchten die Profis einen Verfall der Qualität und Standards. Wenn jedermann Bilder so verfremden kann, wie das bisher nur Photoshop-Profis vorbehalten war, macht das natürlich skeptisch. Zumal Foto-Puristen (zu denen auch ich gehöre) von Filtern und Effekten ohnhin nichts halten. Für mich hat Instagram aber eine ganz andere Qualität geschaffen, die mit klassischer Fotokunst wenig zu tun hat, sondern viel mehr mit Kommunikation.

An der Universität haben wir uns vor Jahren kulturpädagogische Projekte ausgedacht, die das Ziel hatten, den Leuten mit Hilfe der Fotografie den Blick auf  ihre unmittelbare Umgebung zu schärfen und sich kreativ mit ihrer Lebenswelt auseinander zu setzen. Wir hätten Instagram damals mit Sicherheit sehr spannend gefunden.

PS: Mein eigenes Instagram-Projekt “Moments of Zen”: www.moment-of-zen.com

Interesting Read: Why Instagram Is The Future of Street Photography (Eric Kim)


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