Detektor.FM: Internetradio-Experiment mit Anspruch

Christian Bollert, Detektor.FM

Christian Bollert, Detektor.FM

Radio gibt es im Internet ohne Ende. Christian Bollert  ist dennoch davon überzeugt, dass Detektor.FM eine Lücke füllt: Mit einem Musikprogramm, das nach guter alter Schule von einem Musikredakteur zusammengestellt ist, Wort-Beiträgen mit journalistischem Anspruch und ohne lästige Werbung (außer der fürs eigene Programm). Ein Experiment, mit dem Geschäftsführer Bollert und drei Mitstreiter seit Ende 2009 ihren Traum vom Radio nach eigenen Vorstellungen erfüllen. Im März 2011 stattete ich Detektor.FM einen Besuch ab und sprach mit Christian Bollert über das inhaltliche Konzept des Senders (wegen Wartungsarbeiten an meinem Blog geht das Interview erst heute online).

Mit Privatkrediten schoben die vier Macher das Projekt an, mittlerweile wirft das differenzierte Geschäftsmodell zwar Geld ab, bei meinem Besuch im März war der Break-Even aber noch nicht erreicht. Christian Bollert gab sich aber durchaus optimistisch, dass das Finanzierungskonzept tragfähig sei. Geld verdient Detektor.FM einerseits zum Beispiel mit einer Kooperation mit der Süddeutschen, für die sie das Streiflicht hörbar macht, und dem Verkauf von Audio-Beiträgen; Werbung auf der Homepage (nicht im Programm) generiert ebenfalls Einnahmen, ein wenig kommt durch Flattr herein.

Zum anderen ist der Betrieb des Webradios verhältnismäßig kostengünstig:  So erhalten die Radiomacher viele O-Töne umsonst von Radiojournalisten, die im Gegenzug die Computer-Arbeitsplätze in den Detektor.FM-Räumen nutzen. Ganz wollte Christian Bollert das Geheimnis des Geldverdienens per Internetradio aber nicht preisgeben, genaue Zahlen und Fakten bleiben Betriebsgeheimnis.

Die Wortbeiträge sind produktionstechnisch unaufwändig, häufig handelt es sich um Interviews mit Fachleuten, ihre Zahl überschaubar: Drei Stunden täglich wird derzeit (Stand März 11) live gesendet, die übrige Strecke füllt ein Musikstream, den ein Musikredakteur programmiert.

Mein Eindruck: Detektor.FM lebt vom Herzblut seiner Macher und dem Engagement vieler Kräfte. Die verdienen sich sicherlich keine goldene Nase an diesem Projekt, aber es ist vorstellbar, dass die Nische den Sender irgendwann trägt. Warum ich das glaube? Vielleicht, weil ich Detektor.FM selber gern höre; man merkt dem Programm an, dass Menschen und keine Algorithmen dahinter stecken, und ich denke, dass es ein – wenn auch überschaubares – Publikum gibt, das dies zu schätzen weiß. Es ist die Mischung aus Überrauschung und Gewohntem, die den Reiz des Musikstreams ausmacht, mit gut konsumierbaren, (mir) häufig unbekannten Titeln. Klar ist: Musik ist Geschmacksache, und man trifft mit einem solchen Strom immer nur eine Teilmenge des potenziellen Publikums.

Auch das Wortprogramm ist leicht konsumierbar. Beiträge sind so eingestreut, dass der Wortanteil nie aufdringlich wirkt. Auf der Homepage und in der iPhone App kann man zwischen Wort-Stream und Music-Only-Stream wählen. Die Themen sind nicht einem Informationsanspruch geschuldet, sondern dem persönlichen Interesse der Redakteure. Leicht verdauliche Kost für junge Menschen, die sich für Politik und Gesellschaft interessieren.

In dieser Hinsicht ist Detektor.FM in der Tat einzigartig – zumindest kenne ich auch im öffentlich-rechtlichen Spektrum kein Programm, das dieses Interesse abdeckt. Das Konzept kann funktionieren, der Erfolg hängt indes ganz vom Gespür für die Nische und dem Kontakt zu ihr ab.

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