Kollaborativer Journalismus bei Guardian und ZEIT ONLINE

User Generated Content war gestern, heute ist Collaborative Journalism. Eine der Erkenntnisse, die ich von der ZEIT ONLINE Debatte mit Wolfgang Blau und Alan Rusbridger (The Guardian) über den Journalismus der Zukunft am 20. Oktober in Berlin mitgenommen habe.

Kollaborativer Journalismus – der Begriff geistert schon lange durch Online-Journalismus Lehrbücher; jetzt, so scheint es, ist er in den Online-Redaktionen angekommen. Die Rede ist nicht von Leserreportern, die nach dem Zufallsprinzip ihre Schnappschüsse beisteuern. Der Guardian Chefredakteur hat eine ganze Palette von Beispielen parat, bei denen die Leser zu Kollaborateuren wurden.

So im Fall des Spesenskandals im britischen Parlament Anfang dieses Jahres: Es waren Leser, die Ungereimtheiten in den Steuerunterlagen der Abgeordneten aufdeckten, nachdem die Regierung die Dokumente zur Veröffentlichung freigegeben hatte. Die Leser waren einem Aufruf des Guardian gefolgt, tausende von Akten zu durchforsten. “Das hätten wir Journalisten nie alleine schaffen können”, erklärt Rusbridger. An der Aktion hätten sich auch Steuerfachleute beteiligt, deren Dienste man aus Recherchebudgets gar nicht bezahlen könnte.

Neben den Leserkommentaren sei für den Guardian vor allem Twitter ein unverzichtbares Werkzeug für die Recherche geworden, sagt Rusbridger mit Nachdruck. Über einen Twitteraufruf kam der Guardian an das Material, das die Debatte um Polizeigewalt beim G20 Gipfel in London entzündete. Das Video eines amerikanischen Finanzmanagers zeigt, wie der kurz darauf an einem Herzinfarkt gestorbene Ian Tomlinson von der Polizeit attackiert wird.

Die Idee des kollaborativen Journalismus hat, so Rusbridger, auch das Schreiben verändert. Journalisten denken nicht mehr in abgeschlossenen Geschichten, sondern Berichterstattung wird zum Work in Progress. Die Leser schreiben an der Story mit, indem sie ihr Wissen einbringen, auf Zusammenhänge aufmerksam machen oder sich als Zeugen offenbaren.

Alan Rusbridger“Wir schreiben nicht die 100ste Version einer Geschichte, die überall zu lesen ist, sondern widmen uns den Geschichten, in denen wir entweder unsere Meinung einbringen oder innovative Erzählweisen rund um die Sozialen Medien anwenden können, um uns von den anderen abzuheben.”
Alan Rusbridger

Soweit die Theorie. Zumindest im deutschen Mainstream-Medienwald muss man schon genau hinsehen, um solche Veränderungen zu bemerken; die meisten Online-Artikel ähneln nach wie vor dem, was man aus der gedruckten Zeitung kennt: abgeschlossene Geschichten. Fälle, in denen auf Leserkommentare Bezug genommen wird oder gar der Eindruck entsteht, eine Geschichte sei im Dialog mit der Twitter-Gemeinde entstanden, kenne ich aus meiner Erfahrung als Online-Leser und -Kommentator kaum.

Ich wollte es wissen: Per Twitter bat ich ZEIT ONLINE Chefredakteur Wolfgang Blau um Beispiele für kollaborativen Journalismus in seiner Redaktion. Die Twitter-Antwort kam prompt, eine E-Mail mit Beispielen folgte:

Das sind Beispiele dafür, dass sich das Verhältnis von Journalisten und Leser gewandelt hat und die Leser als wichtige Quellen und Wissensträger ernst genommen werden. Die investigative Recherche via Twitter, bei der sich Journalisten an ihre Follower wenden, um mit deren Hilfe an Schlüsselinformationen zu gelangen, ist nicht darunter.

Vielleicht fehlt es hierzulande noch an der kritischen Masse von Twitterern, die ein solches Crowdsourcing sinnvoll macht. Dem ZEIT ONLINE Feed folgen aber immerhin rund 50.000 Twitterer – das ist eine Menge für deutsche Verhältnisse. Der Technologie-Twitterfeed des Guardian bringt es freilich auf 1,6 Millionen.

Was die Leserkommentare zu Artikeln betrifft, ist ZEIT ONLINE mit über 50.000 Leserkommentaren im Monat mehr als gut bedient. Diese Menge an Material zu bewältigen und daraus Stoff für weitere Recherchen zu filtern, dürfte nicht ganz einfach sein. Zumal die Leser nicht unbedingt dort aktiv werden, wo sich die Redaktion Mitarbeit wünscht: Beim Open Data Projekt “Todesopfer rechter Gewalt 1990 – 2010“, für das die Nutzer zur Mithilfe aufgefordert sind, hat der Ansatz des kollaborativen Journalismus noch nicht so recht gefruchtet. Hier waren es vor allem die Journalisten selbst, die monatelang Datenrecherche betrieben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Steuerbescheide unserer Politikern auf größeres Interesse stoßen würden. Aber die sind ja nicht öffentlich.


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