Aus der Sicht des Lernenden: 10 Tipps für Online-Seminare

NewsU - Virutelle Hochschule des Poynter Institutes

Im Mai habe ich einen vierwöchigen Abstecher an die News Universität in Florida gemacht – virtuell versteht sich. Die News University (NewsU) ist die virtuelle Hochschule des Poynter Instituts. Mein Interesse galt neben der Fachthematik Fotografie auch der Methodik des Kurses aus der Sicht des Lernenden.

Dass ich überhaupt bereit war, die 300 Euro für den vierwöchigen Kurs zu berappen, lag am guten Namen des Poynter Instituts – die Information, die mir NewsU vorab über den Kurs zur Verfügung stellte, war jedenfalls so spärlich, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einließ. Der erste Tipp müsste daher eigentlich lauten: Beantworten Sie vorab alle denkbaren Fragen zu Ablauf, Programmstruktur, Methoden, Termine für Live-Sessions usw. Es ist ein Unterschied, ob ich mich für ein Wochenende festlege oder auf einen vierwöchigen Kurs einlasse, den ich in meinen Alltag integrieren muss.

Um es vorwegzunehmen: Ich habe von dem Kurs profitiert. Ich war auf halbem Wege aber auch nahe daran, auszusteigen. Lernen hat viel mit Psychologie zu tun, Online-Lernen umso mehr, als der Lernende sich in einer Situation der Hilflosigkeit befindet: Er kann weder mit Mimik noch Körperhaltung Signale senden und er weiß nicht, wie das, was er von sich gibt, am anderen Ende ankommt. Ein paar einfache Routinen und Mechanismen können aber helfen, die Lernerfahrung positiv zu gestalten. Hier meine Schlussfolgerungen aus der Erfahrung dieses Seminars:

1. Gegenseitiges Lernen fördern und fordern: Das Fachwissen und die Erfahrung der Kursteilehmer sind Schätze, die gehoben werden müssen. Mit der Aufforderung zur Diskussion im Forum ist es aber nicht getan. Besser ist es, den gegenseitigen Austausch und das Feedback in die Aufgabenstellung einzubauen und gemeinsames Lernen methodisch anzulegen – durch Lerntandems zum Beispiel.

2. Anreize schaffen: Die Leiter, die es zu erklimmen gilt, sollte sich auch in Werten widerspiegeln. Lernpunkte oder Abschlusszertifikate können Anreiz sein, Aufgabenstellungen auch wirklich zu erledigen. Motivation kann auch durch Rollen erzeugt werden: Der Auftrag, bei der nächsten Live-Session die Diskussion über den eigenen Beitrag zu leiten, erzeugt mehr Verbindlichkeit als eine unverbindliche Deadline.

3. Engagement honorieren: Wer Stunden in die Erfüllung einer Aufgabe steckt, erwartet ein fundiertes Feedback. Was gar nicht geht (und im NewsU Kurs leider vorkam) ist, dass Arbeitsergebnisse gar nicht oder nur auf dezidierte Nachfrage besprochen werden. Das heißt: Die Auswertung und Diskussion der Arbeitsergebnisse muss gut geplant, Raum und Ort dafür vorhanden sein und jeder muss zum Zuge kommen.

4. Alle am kollektiven Wissen teilhaben lassen: Das eigentliche Lernen fand bei NewsU in Einzeltelefonaten mit dem Fachtutor statt. Das kann man so machen, sollte es aber vorab klar als die zentrale Lernmethode kommunizieren. Ich empfand es als Defizit, nicht am Austausch der anderen mit dem Tutor teilhaben zu können. Ein weiterer Effekt war, dass niemand sich mehr die Mühe machte, Fragen öffentlich im Forum zu diskutieren.

5. Auf jede Frage eine (fundierte) Antwort: Auch wenn sich keiner aus der Lerngruppe bequemt, auf die Frage eines Mitstreiters im Diskussionsforum zu antworten – unbeantwortet darf sie nicht bleiben. Sonst ist schnell die Luft raus und das Forum dümpelt nur noch. Das heißt: Der Tutor ist der Motor des Forums und die Qualität seiner Antworten geben den Maßstab vor. Was nicht geht: statt auf eine inhaltliche Frage einzugehen auf das Lernmaterial zu verweisen.

6. Verbindlichkeit durch Gruppenatmosphäre erzeugen: Je mehr die Lernenden von sich wissen, desto mehr treten hinter Namen und Thumbnail-Fotos die Persönlichkeiten hervor und desto verbindlicher wird die Interaktion. Darum gehört bei mehrwöchigen Kursen die Selbstdarstellung jedes Teilnehmers zu den ersten Aufgaben. Sie sollte vom Veranstalter Ernst genommen werden.

7. Moderieren statt Dozieren bei Live-Sessions: Für viele Menschen ist es schon im normalen Klassenzimmer schwer, sich zu Wort zu melden – umso mehr, wenn der Lehrende ohne Pause doziert. Wer meint, das sei im Virtual Classroom leichter, irrt sich. Wenn immer nur dieselben Teilnehmer den Rede-Knopf drücken, stimmt etwas nicht. Der Dozent sollte darauf achten, dass alle gehört werden. Das funktioniert aber nicht mit Fragen in die Runde; Teilnehmer-Interaktion muss systematisch ins Konzept eingeplant werden, z.B. indem zu bestimmten Fragestellungen alle Anwesenden reihum angehört werden.

8. Kommunikationsfähiges Team: Eine Selbstdarstellung des Fachtutors lieferte das Poynter-Institut bereits bei der Anmeldung. Die technische Assistentin, mit der ich am Ende fast ebenso viel Kontakt hatte wie mit dem Tutor, existierte aber nur in Form von kurz angebundenen Mail-Antworten. Gerade beim Umgang mit technischen Problemen ist Sympathie wichtig, um Ärgernisse zu kompensieren; die entsteht aber nur, wenn das Gegenüber sich als Mensch und Persönlichkeit offenbart.

9. State-of-the-art Technik: Schon Kleinigkeiten wie eine umständliche Navigation oder langsam aufbauende Seiten können den Spaß am Lernen verleiden. Denn über die gesamte Kursdauer müssen dieselben Schritte täglich wieder und wieder ausgeführt werden. Ein Diskussionsforum sollte schnell sein, übersichtlich und mit Möglichkeiten ausgestattet, neue Einträge sofort zu erkennen. Zum Standard sollte auch gehören, dass Postings abonniert und per E-Mail an ein gewünschtes Postfach geschickt werden können.

10. Frustration erkennen: Warum ich fast zum Drop-out geworden wäre? Weil der Ärger über viele kleine Probleme und Unklarheiten zum Frust angewachsen waren, ich aber keine Möglichkeit sah, dies mitzuteilen. Für mich selbst interessant zu beobachten war, dass es immens schwierig ist, solche Gefühle als E-Mail zu formulieren und an den Tutor zu schicken, solange kein Vertrauensverhältnis besteht. Stattdessen klinkt sich der Lernende aus. Meine Forum-Beiträge wurden immer ruppiger, meine Mails kürzer angebunden, bei Live-Sessions verstummte ich. Diese Symptome zu erkennen und den Lernenden darauf anzusprechen, wäre Aufgabe des Tutors. Weil das aber viel Gespür und Kenntnis über den Lernenden voraussetzt, ist es sinnvoll, im Kursverlauf Mechanismen einzubauen, die eine Abfrage der Befindlichkeit ermöglichen.

Hinweis in eigener Sache: Ich habe 2003 bei der tele-akademie der FH Furtwangen den neunwöchigen Online-Kurs “Online-PR” entwickelt und bis 2006 als Fachtutor begleitet.


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