Stuttgarter Medienkongress: Das Kreuz mit dem Nachwuchs

Digital Natives im Gespräch mit alten Hasen auf dem Stuttgarter Medienkongress

“Digital Natives” und “Digital Immigrants” vereint auf dem Podium

“Was will die Generation Internet wirklich?” war die Leitfrage auf dem ersten Stuttgarter Medienkongress am 3. Mai. Wissen wollten das in erster Linie Vertreter der etablierten Medien, die um junge Zielgruppen kämpfen.

Wir erfuhren: Die Generation Internet, das sind jene jungen Menschen, die eine Welt ohne World Wide Web nicht kennen. Zwei Vertreter dieser Digital Natives saßen jeweils mit auf dem Podium und machten deutlich, dass sich diese Spezies nicht über einen Kamm scheren lässt. So unterschiedlich die Typen, so unterschiedlich die Interessen.

Das macht es auch so schwierig, darüber zu reden, was die Jungen eigentlich wollen. Sie fischen virtuos im Info-Strom und sind auf das Sortieren und Ordnen von Informationen durch Gatekeeper nicht mehr angewiesen – so Prof. Ewald Wessling, Berater und “Experte für den digitalen Wandel”. Man muss nicht so weit gehen wie der Professor, der provokant in den Raum stellte, wir Alten seien „die Deppen“, weil wir eine Tagesschau benötigten, die uns aus dem Strom der Informationen das Relevante herausfiltere. Die Jungen hätte heute viel mehr Medienkompetenz als wir damals, als wir in ihrem Alter waren.

Aber es ist schon wahr: Die bekannten Kategorien der Medienrezeption treffen auf diese Generation nicht mehr zu. Bezeichnend, dass ein Fragesteller aus dem Publikum von Spam redete, aber eigentlich die ungefilterte Information an sich meinte. Für Jugendliche, so Wessling, existiere dieser Spam nicht, weil sie die Welt nicht anders kennen gelernt hätten und mit der Informationsflut aufgewachsen seien.

“Was für mich relevant ist, erfahre ich durch mein Netzwerk” bestätigte prompt einer der jungen Leute auf dem Podium. Und mit Relevantem meine er „Lifestyle Nachrichten“. Genau da liegt die Crux. Was für einen Jugendlichen relevant ist, ist ziemlich relativ. Das Internet bedient nahezu jedes Interesse mit nahezu grenzenloser Informationstiefe. Wer sich für Musik interessiert, kann den ganzen Tag damit verbringen, allein zu seiner Lieblingsband Relevantes zu konsumieren. Auch das schönste iPhone App der ARD wird ihn nicht zu den Nachrichten der Tagesschau führen.

Aber: Junge Menschen verändern sich. Auch sie werden älter und bleiben nicht ewig ausschließlich Musik- und Games-Fans. Sie spüren durchaus, dass es Dinge gibt, die ihre Lebenswelt beeinflussen und die eine ganz andere Art von Relevanz besitzen. Die Finanzkrise zum Beispiel.

Das zeigt der Erfolg eines Videos wie “The crisis of Credit visualized” von Jonathan Jarvis. Es wurde viral, weil es die komplexen Zusammenhänge der Finanzkrise witzig, unkonventionell und anschaulich erklärt, sein Publikum dabei aber ernst nimmt und ihm durchaus etwas zumutet. Es waren vielleicht nicht gerade Teenager, die das Video überallhin gepostet haben. Aber irgendwann werden aus Teenagern Twens, die vielleicht studieren, in andere Zusammenhänge geraten, sich für die Gesellschaft im weiteren Sinne zu interessieren beginnen.

Das zeigt auch der Erfolg von Jon Stewart in den USA, der mit seiner Satire Newsshow “The Daily Show” vom Time Magazine 2005 zu einem der hundert einflussreichsten Köpfe in den USA gekürt wurde. Vor allem bei jungen Menschen ist er beliebt. Warum? Ich glaube, weil er die Kunst beherrscht, witzig und zugleich bitterernst zu sein, weil sein beißender Spott von echter Leidenschaft unterfüttert ist und weil er authentisch ist. Kurz: Weil er nicht vordergründig ein Format bedient, dessen Legitimation die Einschaltquoten respektive Klickzahlen an sich sind.

Authentizität, Leidenschaft und ein Schuss Subversion – ich glaube, das sind auch heute noch die Ingredienzien, die Journalismus für junge Menschen interessant machen, ganz gleich auf welchem Kanal.


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