Markus Reiter über die “Gesellschaft Dumm 3.0″

Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen” lautet der Titel des neuen Buchs von Markus Reiter. Ich habe ihn auf einer Diskussionsveranstaltung in der Stuttgarter Stadtbibliothek getroffen und – provoziert von seiner Netz-Schelte – gefragt, ob unserer Gesellschaft denn wirklich erst durchs Internet die Verdummung drohe.


Das kurze Interview zeigt: Der prägnante Küchenzuruf “Twitter, Blogs und Networks bedrohen unserer Kultur” lässt sich nicht ohne Weiteres in eine kurze Zusammenfassung verpacken. Es sind mehrere Faktoren, die in ihrem Zusammenwirken zu dem hinführen, das Reiter die “Gesellschaft Dumm 3.0″ tituliert.

So hält er Twitter, Blogs und Netzwerke durchaus nicht für eine Bedrohung per se. Er twittert und bloggt ja selber. Diese Trends verkörpern vielmehr eine Tendenz hin zu einer Entwertung von Errungenschaften, die Reiter für unbedingt bewahrenswert hält.

Die da wären: professioneller Journalismus, Schutz des geistigen Eigentums und die Kultur eines öffentlichen Diskurses, in dem einer für seine Meinung auch mit seinem Namen einsteht – was in anonymen Online-Kommentaren nicht mehr der Fall ist.

Reiter wendet sich gegen die Auffassung, bloggende Privatleute und Medienberater könnten den bezahlten Profi-Journalismus ersetzen. Hinter deren vermeintlicher Unabhängigkeit steckten häufig Selbstvermarktungsinteressen. Was freilich das Gegenargument provoziert, dass auch bei bezahlten Profi-Journalisten Unabhängigkeit nicht garantiert ist. Dem würde Reiter sicher nicht widersprechen – ihm geht es vielmehr um die Gefahr, dass guter Journalismus irgendwann nicht mehr finanzierbar ist, wenn niemand bereit ist, auch im Internet dafür zu bezahlen.

Markus Reiter diskutiert mit Mitgliedern der Piratenpartei
Markus Reiter diskutiert mit Mitgliedern der Piratenpartei [Twitter-Kommentare]

Oder das Thema Urheberrecht: Den bei der Diskussion anwesenden Mitgliedern der Piratenpartei widerspricht Reiter vehement, als einer argumentiert, das Kopieren eines Textes von einer Webseite sei doch kein Diebstahl, da für den Urheber kein materieller Verlust entstehe – im Internet seien die Kosten des Publizierens schließlich minimal. Es wird deutlich: Eben in dieser um sich greifenden Auffassung vom Wert immaterieller Güter liegt die Bedrohung.

Dass das Internet demokratische Prozesse fördert, indem es – theoretisch – jedem eine öffentliche Stimme gibt, glaubt Reiter nicht. Was sich in den meisten Online-Diskussionen und Kommentarfeldern abspielt, ist in seinen Augen weit entfernt von einem konstruktiven Diskurs mit demokratischer Relevanz. Vielmehr sei durch die Anonymität, die das Internet ermöglicht, Gerüchten und Verunglimpfungen Tür und Tor geöffnet – Reiter spricht vom “Internet-Mob”.

Man könnte ihm entgegehalten, dass auch in der Zeit vor dem Internet bezahlter Journalismus nicht automatisch in Qualität mündete und dass andererseits mit der Blogoshäre ein Korrektiv zur Macht der etablierten Medienhäuser entstanden ist; dass im Netz bisher unzugängliche Wissensschätze jedem offenstehen und neben den vielen Belanglosigkeiten mehr denn je auch Relevantes seinen Weg in die Öffentlichkeit findet. Man könnte aus dem Prinzip, dass Konkurrenz zu Optimierungen führt, die Hoffnung ableiten, dass am Ende die Qualität siegt. Oder zumindest die Potenziale des Internets dessen Schattenseiten überstrahlen.

Jeff Jarvis sagte kürzlich in Welt.de: “Die Welt ist voller dummer Leute und das Netz ist immer so dumm, wie seine Nutzer.” Kein Problem also für den, der die nötige Medienkompetenz besitzt, denn “die Herausforderung ist, das gute und intelligente Zeugs zu finden.”

Nach Markus Reiters Vortrag sehe ich das ein bisschen nachdenklicher: Könnte es sein, dass vieles von diesem “guten und intelligenten Zeugs” irgendwann nicht mehr vorhanden ist?


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