Buzz-müde oder: die Sehnsucht nach Entschleunigung

Der Fall Google Buzz zeigt, wie sehr bei manchen beim Thema Social Web die Bodenhaftung verloren gegangen ist. Man konnte sich bei Google offenbar gar nicht vorstellen, dass es (noch) Menschen gibt, die nicht auf dieser Welle mitschwimmen. Nur so ist zu erklären, dass Google beim Start des neuen Dienstes Mail-Accounts automatisch in Chatrooms verwandelte und sich deren Besitzer plötzlich auf Kontaktlisten wiederfanden, die sie nie autorisiert hatten.

Ich kenne immer mehr Menschen, die sich von Diensten wie Buzz oder Facebook abwenden. Denn irgendwann wird klar, dass der permanente Austausch mit einem Netzwerk einen Preis hat: Zeit. Bei Facebook ist das besonders frappierend. Mein eigener FB-Account hat sich innerhalb eines Jahres vom netten Geplänkel mit ein paar Freunden zu einem stetigen Strom an Meldungen, Bildern, Videos, Kommentaren zu Meldungen, Kommentaren zu Kommentaren, Einladungen, Anfragen, Direktnachrichten usw. ausgewachsen, der kaum noch zu bewältigen ist. Und das bei nur 56 Kontakten.

Jede Registrierung auf einer Fan-Page zieht einen neuen Strom an Meldungen nach sich. Im Nu ist eine halbe Stunde verflossen, nur um die direkten Anfragen zu beantworten oder ein paar Kommentare abzufeuern und zu überprüfen, wo und in welchem Zusammenhang der eigene Name kursiert. Aktivität erzeugt neue Aktivität. Sich herauszuhalten und nur ab und zu einzuklinken ist etwa so spannend, als verbringe man die meiste Zeit einer Party allein auf dem Balkon beim Rauchen.

Dabei ist der Ertrag eher gering, mal abgesehen vom wohligen Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein – wenn dem überhaupt so ist. Facebook kann auch einen subtilen sozialen Druck erzeugen, ein Unbehagen ob des eigenen, unspektakulären Daseins. Denn natürlich sind jene am aktivsten, die viel zu erzählen haben. 

Dass Ende letzten Jahres das “Slow Media Manifest” die Runde machte, kommt nicht von ungefähr. Viele sind, nach anfänglicher Neugier oder dem Gefühl, dabei sein zu wollen, ermüdet von der permanenten Flut der kleinteiligen Nachrichtenschnipsel und der ständigen Selbstdarstellung. Es wächst die Sehnsucht nach tiefschürfenden Inhalten und echter Kommunikation.

Nun ist Social Media nicht gleich Facebook. Aber richtig gute und sinnvolle Social Media Entwicklungen, die in eine andere Richtung zielen als die Beschleunigung der Mikro-Kommunikation, waren in letzter Zeit rar. Twitter, der den Anfang dieses Trends gemacht hat, bleibt in seinen nützlichen Aspekten unübertroffen.

“Teilen Sie ihre Ideen mit”, wirbt Google für seinen neuen Dienst, der alle bisherigen in den Schatten stellen soll, weil er ihre Funktionen in einem einzigen Tool vereint und dabei auch noch schneller ist: “Neue Posts und Kommentare werden sofort angezeigt”. Wenn es denn so einfach wäre, gute Ideen zu haben, die es ständig mitzuteilen gäbe und die es wert sind, sofort gelesen zu werden.

Vor allem vergisst man leicht, dass trotz des enormen Wachstums von Facebook und anderen Social Media Diensten ein Großteil der Internetnutzer ganz andere Interessen haben. Dass es viele Menschen gibt, die das Internet zwar nutzen, jedoch nicht ins Raster der Meconomy-Persönlichkeit passen (jung, ungebunden, mobil);  die lieber weniger als mehr Zeit im Internet verbringen würden und genervt sind, weil Service-Webseiten nach wie vor nicht nutzerfreundlich sind, Kontaktinformationen fehlen oder Produktinformationen umständlich zusammengesucht werden müssen.

Nicht dass diese Erkenntnis neu wäre; aber der Launch von Google Buzz hat mich angesichts dieser Trends doch verwundert. Ob ich Buzz testen werde? Ich warte ab. Noch ist mir nicht klar, welchen Mehrwert es bringt.


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