Sehnsucht nach dem treuen Leser: Springers Gehversuche mit Bezahl-Inhalten

Jetzt macht Springer also ernst: Im November startete mit dem eMag ein komplett kostenpflichtiges Online-Magazin der Welt am Sonntag, und bei Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost gibt es seit Dienstag ausgewählte regionale News nur noch gegen Euro. Ich habe mir das eMag genauer angesehen.

Die Springer-”Blätter” sind nicht die ersten. Die Stuttgarter Zeitung hat den Schritt, ihre Print-Inhalte gratis ins Web zu stellen, von Anfang an verweigert und gibt den größten Teil ihres Regionalangebots nur als kostenpflichtiges E-Paper heraus. Schwarze Zahlen schreibt sie deswegen bei ihrem Online-Angebot meines Wissens aber nicht.

Ich möchte nicht in die Kerbe vieler Beobachter hauen und Paid Content generell und grundsätzlich verdammen. Weil ich selbst durchaus bereit wäre, für bestimmte Inhalte unter bestimmten Bedingungen Geld zu bezahlen. Diese Bedingungen decken sich aber nicht mit jenen, welche die Verlage bieten.

Vor allem der Abo-Gedanke widerspricht dem Bedürfnis vieler Web-Nutzer, weil er der Natur des Web widerspricht. Wo viele Quellen nur einen Klick voneinander entfernt sind, macht es wenig Sinn, den Zugang auf eine bestimmte Quelle zu fixieren. Das Web konditioniert die Nutzer  vielmehr darauf, ihren Informationsbedarf nach individuellem Bedürfnis aus den jeweils geeigneten Quellen zu decken. Kein Einzelmedium kann aber alle Interessen abdecken. Konsequent wäre es deshalb, exklusive Nischeninhalte kostenpflichtig zu machen und die Hürden dabei so gering wie möglich zu halten, sprich: Pay-per-Click eines einzelnen Artikels für einen minimalen Cent-Betrag. Ob sich damit jemals genug Geld verdienen ließe, ist eine andere Frage.

Springer setzt aber auf das Leserverhalten der Vergangenheit. Während die Stuttgarter Zeitung immerhin den Kauf eines Einzelexemplars (1,30 Euro) per Click&Buy anbietet, muss man bei Springer mindestens 30 Tage bezahlen (7,95 Euro bzw. 4,95 Euro). Beides ist zuviel für jemand, der nur alle paar Tage einen einzelnen Artikel lesen möchte.

Durchgeklickt: eMag

Artikel aus dem eMagBeim eMag Magazin ist immerhin auch der Kauf einer einzelnen Ausgabe für 1,50 Euro möglich. Das funktioniert aber keinesfalls per Klick, sondern erst nach einer aufwendigen Registrierungs- und Bezahlprozedur, bei der komplette Adress- und Konto- bzw. Kreditkartendaten übermittelt werden müssen. Eine viel zu große Hürde für den Einmal-Leser.

Daraus, dass der Code für den Gratiszugang, den es in der Printausgabe zu holen gab, nach einiger Zeit nicht mehr gültig war, spricht dasselbe Denken: offenbar hat man Sorge, dass der Zugang an Exklusivität verliert, wenn der Code im Internet verbreitet wird (was geschehen ist). Dabei wäre ein viraler Effekt das Beste, was der ersten Ausgabe des eMag passieren könnte.

Das eMag wurde angekündigt als ein neuartiges Online-Format. Ist es das?

Aus meiner Sicht ist das eMag ist ein klassisches Print-Format, das mit Print-Denke ins Internet übertragen wurde für Leute, die eigentlich lieber Hochglanzmagazine lesen aber aus irgendwelchen Gründen dies am Computer tun möchten. Dass das Magazin Videos, Audio-Slideshows und interaktive Grafiken enthält, widerspricht dem nicht. Es handelt sich um ein geschlossenes Ganzes ohne Links nach außen, die Texte und Zusatzinformationen sind wohl proportioniert – ein Magazin zum Durchblättern und Schmökern. Die Themenauswahl der ersten Ausgabe macht Lust auf eine lange Zugfahrt oder einen Abend in der Badewanne – ohne Internetzugang. Nichts davon ist wirklich wichtig, aber vieles ist schön anzuschauen und schön zu lesen. Ja, es hat Spaß gemacht, das “Heft” zu erforschen – vielleicht gerade, weil es so überschaubar und begrenzt ist.

Aber hat das eMag Zukunft als Bezahlangebot? News-Junkies und Internet-Vielnutzer werden sich auf den Deal kaum einlassen, widerspricht das eMag doch allem, was sie schätzen: Vernetzung, Informationstiefe, Geschwindigkeit. Sie schmökern auch nicht, denn das Internet erlaubt Schmökern nicht. Es drängt ständig zum “Weiter” – da sind schon die Wartezeiten, bis eine Flash-Seite lädt, zu lang, zumal wenn diese nur einen Text zu bieten hat.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es durchaus Zielgruppen gibt, die sich von dieser Hatz überfordert fühlen und eben jene behäbige Hochglanzmagazin-Anmutung im Vierspalten-Layout des eMag schätzen. Auch sie werden allerdings schwer zu gewinnen sein. Denn noch ist die Mühe groß: Schon der Start ist schwierig (s.o.), die technischen Hürden groß, die Usability noch nicht ausgereift (z.b. sind Schriftgrößen zu klein und lassen sich auch nicht verändern).

Vielleicht ist es einfach noch zu früh für ein eMag. Ich könnte es mir als App eines zukünftigen hauchdünnen iPod Touch in der Größe eines Geo-Magazins vorstellen, fertig heruntergeladen und offline lesbar für internetlose Tunnelstrecken im ICE, per Finger-Tip navigierbar und zahlbar per Klick pro Ausgabe.

Nicht für mich allerdings. Denn für 1,50 Euro müsste mehr als eine Story mein gesteigertes Interesse wecken. Das war beim bunten Mix der ersten eMag Ausgabe nicht der Fall.


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