Was tun gegen Rüpelei auf dem Datenhighway?

In der Wochenend-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung stellte Markus Reiter in einem lesenswerten Artikel (“Im Bollwerk der eigenen Blogosphäre“) in Opposition zur Position Nr. 9 des Internet-Manifests (“Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs”) die These auf, das Internet gefährde die Demokratie. Der viel beschworene freie Diskurs im Netz erschöpfe sich in Wirklichkeit in der gegenseitigen Bestätigung Gleichgesinnter, ansonsten herrsche ein Tonfall der Rüpelei und Schmähung vor. Konstruktiver Meinungsaustausch unter unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, wie er für eine Demokratie notwendig ist, finde so gut wie nicht statt. Ein wichtiges Thema, finde ich.

Nun stößt man durchaus hin und wieder auf ganz interessante Diskurse in den Kommentaren von Blogs und Online-Artikeln. Aber mein überwiegender Eindruck ist: Wenn’s an die Meinungsäußerung im Web geht,  verwandelt sich der Datenhighway in eine Autobahn, auf der sich jeder hinter seinen getönten Scheiben in Sicherheit wähnt und nach Herzenslust in der Nase bohrt, sprich: verbal krakeelt, rotzt und rüpelt. Es werden Meinungen abgesondert ohne jedes Interesse an einem Dialog, und was nicht in die eigene Schublade passt, wird mit Unflat übergossen. Das hemmt auch jene, die an echten Dialogen interessiert wären.

Man kann das schulterzuckend hinnehmen. Warum sollten sich die Menschen im Web anders verhalten als in der Kneipe am Stammtisch? Eine Errungenschaft ist das aber nicht.

“Die Anonymität hat das Internet zu einem sehr unzivilisierten Ort gemacht,” sagt die Bloggerin Debra Galant (Baristanet.com) im Gespräch mit Jeff Jarvis in dessen Podcast  Media Talk USA auf Guardian.co.uk. Sie plädiert dafür, dass User ihre Klarnamen benützen sollten. Tatsächlich kann man beobachten, dass überall dort, wo die Identität der User nicht vollkommen anonym ist, kultivierter kommuniziert wird. Beim Stuttgart-Blog, wo für die Registrierung als Autor beim Webmaster echte Benutzerdaten hinterlegt werden müssen, fällt auf, dass es bei den Kommentaren von registrierten Nutzern viel seltener Ausfälle gibt als bei denen von anonymen Gästen. Und nach der Bundestagswahl ließ sich gut beobachten, dass sich Kommentare, die bei einigen Online-Medien via Facebook-Profil eingespeist wurden, deutlich von anonymen Kommentaren abhoben.

Jeff Jarvis macht einen interessanten Vorschlag: Nutzer sollten die Möglichkeit erhalten, sich über ihren Facebook-Account bei anderen Websites zu autorisieren. Derart autorisierte Kommentare sollten ein höheres Ranking erhalten als jene von unregistrierten Gästen. Niemand sollte freilich gezwungen werden, einen Facebook-Account zu eröffnen; aber die Verifizierung über eine Social Community Mitgliedschaft ist eine gute Idee.

Nun ist die Verwendung von Klarnamen in Diskussionsforen und Kommentaren eine höchst kritische Angelegenheit – und ich rate in meinen Seminaren immer davon ab, es sei denn, man tut dies sehr bewusst, um seien Namen zu streuen und mit bestimmten Botschaften zu verbinden. Darum müsste es eine Möglichkeit geben, verifizierte Nicknamen zu erhalten.

Ich stelle mir eine Mischung aus dem Open ID-Verfahren und einem Treuhand-Verfahren wie es beim Micropayment vor: Man hinterlegt seine verifizierten Benutzerdaten bei einem lizenzierten und vertrauenswürdigen Treuhänder, von dem man dann beliebig viele User-Namen erhält. Die verwendet man bei der Registrierung in Foren und Blogs. Die Anbieter von Diskussionsplattformen könnten es zur Bedingung machen, dass sich die Nutzer bei einem solchen Treuhänder registrieren.

Ob er dieses Angebot wahrnimmt und ob er es mit anonymen Gäste-Accounts kombiniert, könnte jeder Anbieter selbst entscheiden. Und natürlich wäre mit Einbußen beim Traffic zu rechnen – allerdings ist fraglich, ob die Fixierung auf Traffic aber der Weisheit letzter Schluss ist, vor allem wenn er auf Kosten der Qualität geht.


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