Zeitung ist mehr als News

Rick Berke in The Daily ShowDerzeit macht ein Ausschnitt aus der Comedy-Nachrichtenshow “The Daily Show” von Jon Stewart die Runde, in dem die New York Times als sterbender Dinosaurier dargestellt wird, Titel des Clips: “End Times”. Ich mag die bissige Ironie der Daily Show, wenn sie unausgesprochene Wahrheiten auf den Punkt bringt. Dieser Sketch offenbart aber ein Verständnis des Mediums Zeitung und des journalistischen Handwerks, das ich höchst kritisch finde.

Daily Show-Reporter Jason Jones hält NYT-Redakteur Rick Berke das Blatt unter die Nase: “Give me one thing in there that happened today”. Will sagen: Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute. “Aged news” nennt Jones das. Als wären aktuelle Nachrichten das einzige, was das Medium Zeitung ausmacht. “You know who would find this interesting – my grandmother” sagt Jones an anderer Stelle. Und haut damit in dieselbe Kerbe wie Jeff Jarvis, der meint, sein Sohn brauche keine Zeitung mehr weil er darauf vertraue, dass die wichtigen News ihn via Facebook, Twitter & Co schon finden würden.

In der Tat: Die Breaking News begleiten uns auf Schritt und Tritt, auf U-Bahn Monitoren, dem Handy oder am Computer, dafür benötigen wir keine Zeitung. RSS-Feeds, Twitter oder Newsletter halten uns völlig papierlos über unsere Interessensgebiete auf dem Laufenden. Das Netz informiert uns bestens.

Aber informieren wir uns bestens? Was bedeutet gut informiert sein?

Eine gute Zeitung – mit Betonung auf gut – ist ist ein Stück Allgemeinbildung, basierend auf einer Art Solidarprinzip der Inhalte. Man kauft das ganze Paket und damit mehr, als man eigentlich braucht. Grund für Kritik – Stichwort „Papierberg“. Aber: Im Bugwasser der großen und wichtigen Themen schwimmen viele kleine Geschichten, oder Geschichten von Nebenschauplätzen und -personen, lokale und regionale Geschichten und solche, die kein dringendes Informationsbedüfnis befriedigen, in die ein Autor aber  Zeit und Herzblug investiert hat. Kurz: Geschichten, die von der Redaktion ins Blatt gehoben wurden und die es nie auf die Homepage der Online-Ausgabe geschafft hätten.

Dort herrscht nämlich das Diktum der Einschaltquote, der “Pageimpressions”. Nur was sensationell genug, wichtig genug oder kurios genug ist, schafft es auf die Startseite der Online-Newssite. Kein Zweifel, es mangelt nicht an interessantem Lesestoff im Web (wobei man nicht vergessen sollte, dass die Themenvielfalt zu einem guten Teil auf dem Output der Print-Zeitungen basiert). Neben den etablierten Newsmedien und Magazinen bietet die Blogosphäre eine schier unendliche Ressource an Stoff zu jedem erdenklichen Thema. Wirklich jedem?

Das Portrait eines Lokalmatadors, die unspektakuläre Geschichte eines Mädchens, das beinahe abgeschoben wurde oder das Feature anlässlich des Calvin-Jahres – das sind Themen, die mir meine Papierzeitung bietet, ohne dass ich sie jemals aus eigenen Stücken nachfragen würde. Ich „bekomme sie mit“, und sie konstituieren mit den Horizont meines Weltbildes. Sie sind keine News und wären wahrscheinlich nicht wichtig genug, um es auf die Startseite irgendeines Online-Nachrichtenmediums zu schaffen, und selbst wenn sie irgendwo im Web zu finden wären, würde ich ihnen im überbordenden Meer an Informationen kaum Beachtung schenken. Und ich bezweifle, dass sich eine Online-Redaktion den Luxus erlauben würde, Zeit und Arbeit in derartige Geschichten zu stecken. Ich mache mir auch wenig Illusionen über derartige Ambitionen bei Bloggern. Doch selbst wenn das so wäre – würden sie mich finden?

Im Kern geht es also um die Frage der Rezeptionshaltung, die sich durch das Internet grundlegend verändert. Das Internet macht uns zu Fachidioten, und das finde ich bedenklich. Die Diskussion um die Zukunft des Journalismus greift zu kurz wenn sie den News-Output in nahezu Echtzeit und die mögliche Informationstiefe von nachrichtlichen oder fachspezifischen Hintergründen zum Maßstab aller Dinge macht und auf dieser Basis für das Konzept Zeitung nur noch Hähme übrig hat.

Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass der Niedergang der papiernen Zeitung mittelfristig aufzuhalten sei. Ich wünsche mir aber mehr Respekt diesem Medium gegenüber. Der Übergang ins Internet ist nicht nur ein Wechsel der Distributionsplattform für Journalismus. Er geht mit einer radikal anderen Art und Weise einher, wie wir Informationen selektieren und konsumieren. Und die ist nicht unproblematisch.


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Comment

You may use these tags : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>