Nachdenken über das Format Fotostrecke

Bilderstrecke der Stuttgarter NachrichtenDie Fotostrecke ist das Fastfood des Internet. Schnell zusammengebaut, schnell geklickt. Sie befriedigt unseren Hunger nach Bildern so schnell wie kein anderes Format. Sie ist deswegen in Verruf geraten: Denn auf der Jagd nach dem schnellen Klick verarbeiten Online-Redakteure alles, was geht, zu Fotostrecken. Da gibt es dann schon Minuten nach der Eilmeldung die ersten, oft völlig nichtssagenden Klickstrecken. Ein Kriterienkatalog für dieses nicht mehr ganz junge Storytellingformat habe ich nirgends finden können. Zeit, sich Gedanken darum zu machen, was eine gute Fotostrecke ausmacht.

Vorab: Die Fotostrecke gibt es nicht. Auch dieses Format hat die unterschiedlichsten Ausprägungen, von der Galerie (z.B. eines Fotografen oder Bilder des Tages) übers Portrait bis zur Reportage. Auch Faces of the Fallen (Washington Post) ist eine Fotostrecke – eine der besonders intensiven Art. Im Folgenden geht es um die narrative Form.

Die Versuchung, so viele Klicks wie möglich zu sammeln, ist sicherlich groß. Bei einem Ereignis wie dem Amoklauf von Winnenden oder der vermissten Air France-Maschine kann sich der Redakteur sicher sein, dass die Betrachter durch eine Strecke klicken, selbst wenn nur Bilder echten Nachrichtenwert haben. Viele Bilderstrecken wirken entsprechend lieblos zusammengewürfelt. Der Betrachter klickt sich von Bild zu Bild in der Hoffnung, satt zu werden – und bleibt häufig mit dem Gefühl zurück, an der Nase herumgeführt worden zu sein.

Manchmal ärgert man sich auch über Bilderstrecken, die noch nicht einmal zu verbergen versuchen, dass sie der Klicks wegen erzeugt wurden. So zum Beispiel eine Strecke der Stuttgarter Nachrichten, die auf sieben Bilder ausgedehnt dasselbe Motiv eines notgelandeten Flugzeugs zeigt, manchmal sogar aus genau derselben Perspektive.

Ein Redakteur des Südkuriers verlor offensichtlich auf halbem Wege die Lust, oder es gingen ihm die Ideen aus, als er eine Strecke zum Bahnprojekt Stuttgart 21 zusammenbaute. Ab Bild Neun verzichtet er auf Bildunterschriften – vielleicht auch, weil er meint, in den ersten BUs alles schon erklärt zu haben.

Ich will den Machern solcher Strecken gar nicht unterstellen, dass sie aus niederen Beweggründen handeln. Sie sollten sich aber im Klaren darüber sein, dass die Art und Weise, wie eine Bilderstrecke komponiert ist, ob sie eine Geschichte erzählt oder nur lieblos Fotos aneinanderreiht und wie Text und Bild zusammenspielen, beim Betrachter einen Qualitätseindruck erzeugen. Häufig hinterlassen Bilderstrecken den Eindruck einer gewissen Schlampigkeit. Nichtssagende TexteText-Bild-Scheren und Motiv-Wiederholungen (1, 2) wirken sich negativ auf die Qualität des gesamten Angebots aus. Und häufig hapert es mit der Glaubwürdigkeit, wenn nachrichtliche Bilderstrecken ins Archiv wandern, ohne dass die Angaben in den Bildtexten aktualisiert wurden. (Anders als ein Artikel, der sich auf einen bestimmen Moment einer Entwicklung bezieht und dies auch im Erscheinungsdatum deutlich macht, fehlt bei Bilderstrecken oft ein konkreter zeitlicher Bezug.)

Doch wie soll man vorgehen? Eine Geschichte erzählen und dabei in Kauf nehmen, dass die Narration im Text durch “Füllfotos” bebildert werden muss? Oder den Schwerpunkt auf das Fotomaterial legen und die Narration im Text ganz auf die Bilder ausrichten – mit der Gefahr, dass das Ganze wie eine Aneinanderreihung von Bildern ohne Geschichte wirkt?

Grundsätzlich gilt: Die Bilder geben den Ton an. Eine Geschichte, die sich nicht mit hochwertem bzw. nachrichtenwertem Bildmaterial erzählen lässt, sollte am besten gar nicht in eine Fotostrecke gepackt werden; dafür gibt es andere Möglichkeiten, zum Beispiel einen bebilderten Bericht. Drei gute Fotos machen noch keine Bilderstrecke, und man sollte der Versuchung widerstehen, sie mit allerhand Füllmaterial zu einer Strecke aufzublasen.

Die Bilderstrecke sollte also vom visuellen Material aus gedacht sein – gar nicht so einfach für Redakteure, die normalerweise Texte schreiben. Beispiel: Die Spiegel-Strecke zum Air France Unglück vor Brasilien zeigt fünf Bilder von Airbus-Maschinen, weil der Text diese Bebilderung nahe legt. Ein einziger Airbus würde aber genügen, auf alle weiteren reagiert der Betrachter mit “hatten wir schon”.

Zugleich gilt: Bildtext sind wichtig! Schlechte Texte können auch den besten Fotos schaden. Ihn ganz wegzulassen, verbietet sich: Jedes Bild hat eine Bildunterschrift, so die journalistische Regel. Bildunterschrift ist hier aber nicht ganz der richtige Begriff, denn der Text einer narrativen Fotostrecke sollte nicht nur beschreiben, was auf dem Bild zu sehen ist. Er sollte zuallererst die Fragen beantworten, die das Bild beim Betrachter aufwirft. Und er sollte die Narration unterstützen – indem er z. B. Zusatzinformationen bietet oder zum nächsten Bild überleitet.

Dabei sollte der Texter es sich nicht so einfach machen, mit drei Pünktchen die Fortsetzung auf der nächsten Seite anzudeuten. Das ist sicher nicht verboten, wenn es aber zum Prinzip wird, wirkt das billig. Und Leser, die nicht linear durch die Strecke navigieren (auch das sollte erlaubt sein), können mit solchen Bildtexten wenig anfangen. Gute Überleitungen machen neugierig auf mehr.

Auch die Bilder sollten so arrangiert sein, dass eines zum nächsten überleitet. Wechsel von Totale auf Nahaufnahme können eine Bilderstrecke interessant machen, eine Dramaturgie mit einem starken Einstiegsfoto und einem starken Schluss macht die Strecke rund. Die Dramaturgie sollte auch die Länge bestimmen. Bei 20 Bildern ist aber Schluss – zumindest wenn man den Anspruch hat, dass der Betrachter die Strecke als Ganzes goutiert und sich nicht nur von Bild zu Bild klickt, bis er irgendwann genug hat. Das sollte freilich der Anspruch sein.


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