Nachdenken über einen Weg aus der Krise des Journalismus

Seit ich dem Twitter-Feed „themediaisdying“ folge, habe ich eine Ahnung davon, wie schlimm es um die Zeitungsindustrie in den USA steht. Nahezu stündlich wird dort von Entlassungen und Schließungen ganzer Titel berichtet. Die Zeitschrift „Message“ prognostiziert, dass bis Ende des nächsten Jahrzehnts die Hälfte aller US-Zeitungen verschwunden sein wird. Die Krise der Zeitungen ist zugleich eine Krise des Journalismus. Denn nicht, dass die Leser dem Papier abtrünnig werden, ist das Problem (sie lesen ja online mehr als je zuvor), sondern dass die Medienhäuser mit den Einnahmen aus dem Online-Geschäft ihre Journalisten – besonders die guten – nicht mehr bezahlen können.

Die Zeitungslandschaft der USA ist mit der deutschen nicht unbedingt vergleichbar, aber die Probleme sind am Ende dieselben. Die Zeitungen verschenken ihre Pfründe – die journalistischen Inhalte – im Internet, während sie für dieselben Inhalte auf Papier Geld verlangen. Zugleich werden die Online-Ausgaben mit Video, Interaktivität und Archiven immer attraktiver, während sie in den allermeisten Fällen weit davon entfernt sind, durch Online-Werbung genügend Geld einzuspielen. In den USA machen diese Einnahmen bei den meisten Zeitungen nur 2 bis 3 Prozent aus.

Nur ganz wenig Blätter folgen diesem Modell nicht, darunter die Stuttgarter Zeitung. Ihre Inhalte gibt’s nur gegen Geld. 15 Euro kostet das Monats-Abo der E-Paper Ausgabe. Die aktuellen Abonnentenzahlen kenne ich nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es sehr viele sind.

Dabei halte ich den Weg, Geld für Inhalte zu verlangen, für den richtigen (und allein auf die Karte Werbung zu setzen für den falschen, weil er eine Gefahr für die Qualität und Unabhängigkeit des Journalismus darstellt). Ich wäre durchaus bereit, für qualitativ hochwertigen Journalismus etwas zu bezahlen. Das Abo-Modell halte ich aber für gestrig und überholt.

Der moderne Netzbürger (und es sind immer mehr, die per DSL, Wlan und iPhone always on sind) bindet sich im Info-Überangebot nicht an eine Quelle, sondern er aggregiert. Dabei pendelt er sich durchaus auf ein im Kern konstantes Portfolio aus ausgewählten Autoren, Rubriken und Formaten ein – die stammen aber aus den unterschiedlichsten Häusern. Weder ist er bereit noch könnte er es sich leisten, einer einzelnen Quelle, die er nur zu Bruchteilen nutzt, einen monatlichen Obolus zu entrichten, welcher der Grundgebühr seiner DSL-Leitung entspricht.

Trotzdem müssen Online-Inhalte nicht kostenlos sein. Im letzten Urlaub am Bodensee war ich auf mein Handy als Nachrichtenquelle angewiesen. Ich machte die Erfahrung, dass es mir reichlich wenig ausmachte, für den morgendlichen Nachrichtencheck im mobilen Internet bis zu einem halben Euro zu berappen, der dann von meiner Telefonrechnung abgebucht wurde. Wichtig dabei waren allerdings zwei Kriterien:

  1. Dass ich nicht die Zeit, sondern die heruntergeladenen Daten bezahlte und damit in Ruhe lesen konnte
  2. Dass der Preis für einen Artikel im Schnitt so niedrig war, dass ich Geschichten ohne Reue auch mal nach den ersten Zeilen abbrechen konnte.

Ich war mit einem Tarif von Blau.de unterwegs, bei dem jedes heruntergeladene Megabyte 24 Cent kostete, die online verbrachte Zeit aber keine Rolle spielte. Mit abgeschalteten Bildern kam ein Artikel auf wenige hundert Kilobyte und blieb damit weit unter 10 Cent.

Über das Modell von Spiegel online, 50 Cent oder mehr für einen einzigen Artikel aus dem Archiv zu verlangen, ärgerte ich mich hingegen immer (inzwischen hat SpOn dieses Content-Payment offenbar aufgegeben). Denn häufig blieb das Gefühl, für den erhaltenen Inhalt dann doch zu viel bezahlt zu haben. Anders ist das bei Testberichten der Stiftung Warentest: Hier bezahle ich ohne Probleme 2 Euro für den Download eines Testberichts, wenn der mich bei der Kaufentscheidung weiter bringt.

Die Beispiele zeigen: Es ist viel Psychologie im Spiel, wenn es um den gefühlten Geldwert von Inhalten geht. Es geht um das richtige Verhältnis von Preis und gefühltem Mehrwert. Ich bin überzeugt, dass es keinesfalls unmöglich ist, für Inhalte Geld zu verlangen – dafür bedarf es aber intelligenterer Lösungen als einem fixen Monatsabo.

Zunächst müsste ein Micropayment-System entwickelt werden, welches Centbeträge tatsächlich ohne viel Aufwand abbuchbar und bündelbar machen würde. Ich könnte mir gut vorstellen, für meine wichtigsten Online-Quellen so etwas wie „Micro-Abos“ abzuschließen. Nach einmaliger Registrierung (und bitte kein ständiges Neu-Einloggen) würde für jeden geklickten Artikel ein Centbetrag fällig, der mit den Beträgen aus allen anderen Abos auf ein monatlich zu begleichendes und jederzeit einsehbares Sammelkonto geschrieben würde. Wichtig wäre dabei aber auch, dass nicht alle Inhalte Geld kosten würden, sondern nur die qualitativ hochwertigen. Mein Portfolio bestünde aus freien und kostenpflichtigen Inhalten und es müsste gewährleistet sein, dass ich ohne Angst vor der Rechnung nach Herzenslust surfen könnte.

Utopie?

Ein solches Bezahl-System hätte also zwei Aspekte: Den technischen des Geldtransfers und den redaktionellen der “Besteuerung” bestimmter Inhalte. Es müsste sich die Spreu im Web stärker vom Weizen trennen. Momentan sind viele Geschichten im Internet in erster Linie auf schnelle Konsumierbarkeit, möglichst viele Klicks und größtmöglichen Wohlfühlfaktor – kurz: auf Werbeeinnahmen – optimiert. Kaum kann man sich dem allgegenwärtigen Locken der leichten und gängigen Themen entziehen, überall stößt man auf die immer gleichen Agenturmeldungen des Tages. Dazwischen gibt es durchaus immer wieder Glanzstücke an Schreibkunst oder Recherche – aber man findet sie eher durch Zufall. Immer wenn ich auf der Suche nach einer konkreten Information bin, fällt mir auf, wie viel ich lesen muss, bis ich auf richtig gute Information stoße.

In einem bezahlten Web müssten die Redaktionen sich noch mehr ins Zeug legen, richtig guten Journalismus (oder Comedy oder Unterhaltung) zu bieten, der sein Geld wert ist – während die Gratis-Angebote weiterhin die oberflächliche Info-Lust befriedigen könnte. Natürlich würden Leute weiterhin Inhalte kopieren und an anderer Stelle gratis zur Verfügung stellen. Ich glaube aber, dass es eine Schwelle gibt, ab der sich der Nutzer die Mühe nicht mehr macht, nach billigeren Lösungen zu suchen – siehe Apples Erfolg mit 99 Cent Songs bei iTunes.

Auch die Begründung, die Nutzer seien zum Zahlen nicht bereit, weil sie jede Information an anderer Stelle auch gratis bekommen könnten, ist anfechtbar. Ich zumindest lege Wert auf Stil, Qualität und Aufbereitung einer Information (nicht nur bei Zeitungsartikeln) – und lande nicht zuletzt deshalb doch immer wieder bei denselben Medien und Autoren. Insgeheim, glaube ich, geht das jedem so.

Nachtrag:

  • Ein interessanter Beitrag zur Debatte kommt von Thomas Knüwer. In seinem Blogpost “Warum Paid Content für Zeitungen nicht funktioniert” widerlegt er die Hoffnungen auf eine Refinanzierung journalistischer Inhalte durch Micro Payment Verfahren. Sein Argument: Paid Content bedeutet immer zugleich einen Verzicht auf Verbreitung und Werbeeinnahmen.

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