Warum Webvideo nicht TV ist – Versuch einer Bestimmung

Ein Kollege, VJ-Trainer seines Fachs, erkundigte sich bei mir nach einem Kriterienkatalog für Webvideos; ein Auftraggeber erwarte von ihm eine solche 10-Punkte-Liste, aus der ersichtlich wird, worin sich Videos fürs Web von Bewegtbildern im Fernsehen unterscheiden. Ich konnte ihm nicht helfen, denn eine solche Liste kenne ich nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, sie zu entwerfen.

Zunächst müsste aber definiert werden, was ein Webvideo überhaupt ist. “Webvideo ist nicht TV”, schreibt der Leiter der Burda Journalistenschule, Jens Schröter, im Handbuch Webvideo und bezieht sich aufs  Videopunk-Manifest von Markus Huendgen (“Wir machen kein Fernsehen”). Webvideo ist aber auch nicht einfach Video im Web; das wäre viel zu weit gefasst, denn es gibt nichts, was nicht im World Wide Web existieren kann – auch das Fernsehen hat dort längst seinen Platz als on-demand Angebot. Was aber ist „Webvideo“ dann?

Es wäre falsch, Webvideo auf eine spezifische Ästhetik festzulegen. Genau dies wünscht sich der Auftraggeber meines Kollegen natürlich.  Vielleicht könnte man sich auf folgende grundlegende Definition einigen:

Unter Webvideo versteht man ein originär für die Rezeption im World Wide Web erzeugtes Video.

Damit ist eine wichtige Abgrenzung gezogen: Die Zweitverwertung bereits existierenden TV-Materials fällt nicht unter die Kategorie Webvideo, und auch rein dokumentarisches Material, wie z.B. der 1:1 Mitschnitt einer Veranstaltung, gehört nicht dazu. Dazwischen aber besteht ein breiter Raum für journalistische Produktionen mit Zielrichtung auf ein Publikum im World Wide Web.

Vergleichen wir zwei Settings im TV und im Web. Nehmen wir dazu das Künstlerportrait eines Musikers, einmal im Rahmen eines TV-Kulturmagazins und einmal als Beitrag in einem E-Zine.

Im Fernsehen würde das Portrait typischerweise als gebauter Beitrag in, sagen wir, 4 Minuten Länge abgehandelt. Der Musiker würde in verschiedenen Situationen und an unterschiedlichen Orten gezeigt, unterlegt vom Off-Text eines Sprechers, hin und wieder im Originalton. Es würden Szenen aus dem Konzertsaal gezeigt, Fans und Manager angehört, Stadien der Karriere in Form von dokumentarischen Fotos oder Musikaufnahmen durchlaufen. Kurz: Es würde uns eine runde Geschichte erzählt, mit Einstieg, Ausführung und Schluss.

Im Web hätte dieser Beitrag eine andere Wirkung als im Fernsehen. Ich behaupte, er würde altbacken wirken. Die Form des gebauten Beitrags ist gute alte Fernsehschule und eingentlich ziemlich langweilig. Zudem sehr aufwändig: all das Material, das dann auf vier Minuten zusammengekürzt wird. Im Web existiert das Platzproblem des linearen Fernsehens nicht. Das Web erlaubt Tiefe und Breite zugleich, und es bietet eine Freiheit des Experimentierens, die in festgelegten TV-Programmschienen nur schwer vorstellbar ist. Außerdem herrschen andere Produktionsbedingungen als im TV, die das Endprodukt nicht unerheblich mitbestimmen. Meist sind wenige Mojos für das gesamte Video-Angebot einer Site zuständig und aus dieser Bedingung entwickelt sich eine Ästhetik der Schlichtheit, die typisch ist für Webvideos. Entscheidend ist aber noch ein anderer Umstand: Während im TV gar nichts anderes möglich ist als Bewegtbild, wird eine Online-Redaktion genau prüfen, welche mediale Form – Video, Fotostrecke oder Text – für einen Stoff die geeignetste ist.

So könnte im Fall des Musiker-Portraits der historische Abriss und andere biografische Informationen als Text und Bilderstrecke dargestellt werden; Konzertmitschnitte könnte man als zusätzliches Videomaterial anbieten – und sich im eigentlichen Webvideo ganz der Persönlichkeit des Musikers widmen, indem man ihn ausführlich zu Wort kommen lässt. Intimität und Authentizität sind Stärken des Webvideos, die das Fernsehen so nicht hat – oder vielleicht auch nur bislang nicht entwickelt hat.

Ein hervorragendes Beispiel für eine solche Herangehensweise ist die Reihe „Soundcheck” von DerWesten.de.

Allerdings: Hohe Einschaltquoten sind mit solchen Produktionen nur bedingt zu erzielen. Aber man kann eine Fangemeinde aufbauen, Zielgruppen binden und neue Zielgruppen erschließen. Für große News Sites wie Spiegel online oder Welt.de ist Video mittlerweile ein Muss, aber nicht, weil Videos die Klick-Bringer wären, sondern weil das Videoangebot die Attraktivität und die „Stickyness“ einer Site erhöht. Wer dezidiert Videos sehen möchte, der geht zu Youtube oder anderen Portalen, die voll davon sind (und sollte dort natürlich auch die Webvideos unseres Kultur E-Zines finden können). Wer Fernsehen im Web sucht, der geht auf die Mediatheken von ARD und ZDF.

Die Videos auf den großen News Sites haben zum größten Teil wenig mit dem hier vorgestellten Idee eines Webvideos gemein, und doch gehören sie in dieselbe Kategorie. Für ein News-Video gelten andere Kriterien als für einen Magazinbeitrag, die Rezeptionserwartung ist eine andere. Und doch wird sich ein gutes News-Webvideo von einem Nachrichtenbeitrag im Fernsehen  unterscheiden, denn die Bedingungen sind auch für diese beiden grundlegend verschieden.


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