Webinare – Erfahrungsbericht aus dem “virtuellen Klassenzimmer”

Webinar der MFG Innovationsagentur“Webinare” sind Live-Seminare im virtuellen Raum. Eine bestimmte Anzahl von Teilnehmern logged sich zur selben Zeit in ein “virtuelles Klassenzimmer” ein und erfährt räumlich getrennt, doch durch Headsets und Webcams visuell und akustisch verbunden, ein gemeinsams Lernerlebnis. Eigentlich eine phantastische Erfindung, denn sie ermöglicht im Idealfall Zugang zu hochkarätigem Wissen, ohne dabei lange Wege in Kauf nehmen zu müssen. So können Experten aus jedem beliebigen Ort der Welt von ihrem Schreibtisch aus eingebunden werden und Rückfragen der Teilnehmer sind jederzeit möglich. Es lassen sich gemeinsam Fachthemen ergründen und mittels Application-Sharing an Plänen, Texten, und Entwürfen arbeiten. Soweit die Theorie.

Ich habe zwei Webinare besucht, um mich über den derzeitigen Stand der Entwicklung zu informieren (2003 bis 06 habe ich selbst solche Seminare bei der teleakademie Furtwangen konzipiert und moderiert).

1. Webinar “Kreativtechniken” bei der Innovationsagentur MFG Baden-Württemberg, die im November eine Webinar-Pilotreihe gestartet hat (s. Audio-Interview). Kosten: 30 Euro.

Umwerfend einfach war die verwendete Applikation von Netviewer: Lediglich eine nicht einmal 1 MB große .exe-Datei (sorry, Mac-Nutzer) musste heruntergeladen werden, und mit dem nächsten Klick war ich im virtuellen Seminarraum mit Audio- und Videofunktionen, Application Sharing, Chat und allem, was man für ein interaktives virtuelles Seminar benötigt. Die Anwendung lief äußerst stabil und die Sound-Qualität war sehr gut. Allerdings: Inhaltlich bestand das Seminar in erster Linie aus einem Powerpoint-Vortrag, den man sich im Grunde genommen auch in gedruckter Form vorstellen könnte. Sehr akademisch und rein theoretisch wurden Kreativtechniken erläutert. Für den interaktiven Part fehlte dann die Zeit, ein Brainstorming wurde nur angedeutet – vielleicht war es auch gar nicht in größerem Umfang vorgesehen.

Webninar der News University2. Für das zweite Webinar meldete ich mich für 24 Dollar bei der virtuellen News University des renommierten Poynter-Institus in den USA an. Thema: “Understanding Video Compression for Journalists”. Hier gestaltete sich der Login-Prozess etwas umständlicher, ich musste lange Ladezeiten der Applikation abwarten und befand mich dann in einem wenig interaktiven virtuellen Klassenzimmer. Meine Mitstreiter konnte ich nur erahnen, Kommunikationsmöglichkeiten wie Chat waren sehr restriktiv und lediglich zur Wortmeldung an die Moderatorin eingesetzt. Die Fragen sollten an den zugeschalteten Experten weitergereicht werden; schon vorab hatte NewsU Fragen der Teilnehmer per Eingabeformular entgegengenommen.

Leider streikte die Technik schon nach wenigen Minuten und ich musste das Seminar abbrechen. Einige Tage später konnte ich mir dann die Aufzeichnung zu Gemüte führen. Die gab aber offensichtlich nicht die originale Veranstaltung wieder, sondern war neu aufgezeichnet worden. Schade war dabei, dass keinerlei Interaktion der Teilnehmer – Fragen, eigene Erfahrungen usw. – einbezogen worden waren, sondern der Experte seinen Powerpoint-Vortrag abspulte und lediglich die Rolle der Moderatorin als Fragestellerin die Sache etwas auflockerte. Die Chance, zielgenau auf spezifische Anliegen der Teilnehmer zu reagieren und mit ihnen in Dialog zu treten wurde damit verschenkt und stattdessen ein Grundlagen-Vortrag abgespult, der in gedruckter Form den seinen Zweck ebenso gut erfüllt hätte. Insgesamt wurde das Thema Video-Kompression aber umfassend behandelt und wahrscheinlich in den Fragen der Moderatorin auch einige Teilnehmerfragen verwertet.

Meine Erkenntnise aus diesen Erfahrungen:

1. Die Technik – auf Teilnehmer- wie auf Anbieterseite – ist heute an einem Punkt, an dem sich Webinare ohne größere Hürden durchführen lassen. Wer mit Skype telefonieren kann, für den sind auch Webinare kein Problem.

2. Potenziell sind Webinare eine tolle Sache: Ohne Anfahrt und den dadurch verbundenen finanziellen und zeitlichen Aufwand kann Zugang zu hochkarätigem Fachwissen geboten werden.

3. Aber: Nicht jedes Thema eignet sich für den Virtual Classroom. Vor allem allgemeine Themenstellungen, die sich ebenso gut in gedruckter Form erarbeiten ließen, nutzen das Potenzial dieser Vermittlungstechnik nicht wirklich aus.

4. So faszinierend für jeden Präsenz-Trainer die Idee sein muss, Powerpoint-Vorträge auch im Web halten zu können, so sehr zeigt sich gerade hier der Nachteil dieser Vortragstechnik: Wenn die nächste spannende Website oder E-Mail nur einen Klick entfernt ist, ist die Gefahr groß, sich vom Vortrag abzuwenden – sofern dieser nicht wirklich spannend und interaktiv ist.

5. Interaktivität ist das A und O von Webinaren. Die Teilnehmer sollten immer wieder durch das Einfordern von Rückmeldungen bei der Stange gehalten werden. Das eigentliche Potenzial dieser Anwendung ist der Austausch von Wissen und die Möglichkeit von Rückfragen, damit also das Vertiefen von Wissen. Dies ist eine große Herausforderung an die Moderation bzw. den Fachtutor, der es schaffen muss, Antworten in gebotener Klarheit und Kürze zu formulieren und die Teilnehmer zur Kommunikation zu ermuntern bzw. auch mal im Redefluss zu bremsen, ohne dabei auf Gesten und Gebärden zurückgreifen zu können.

6. Webinare sind in erster Linie “Wissens-Tankstellen”. Die Interaktion mit anderen Teilnehmern und das – bei Präsenzseminaren zuweilen im Vordergrund stehende – Networking ist hier fast nicht möglich, sofern es nicht bewusst in Konzept und Ablauf eingeplant wurde. Darüber sollte sich jeder, der ein Webinar besucht, bewusst sein. Für den Anbieter bedeutet dies: die Erwartungshaltung der Teilnehmer ist ganz auf den Inhalt und die Stoffvermittlung ausgerichtet, ein inhaltlich schwaches Seminar lässt sich nicht durch gute Networking-Gelegenheiten und leckeres Mittagessen wett machen.

7. Daraus folgt auch: Sofern nicht durch Prominenz glänzende Experten als Zugpferde fungieren oder hochspezifische und in dieser Form kaum anderweitig zu findende Inhalte angeboten werden, wird für ein Webinar nicht derselbe Teilnahmepreis zu erzielen sein wie für ein Präsenz-Seminar; der Aufwand ist für den Anbieter allerdings auch entsprechend geringer.

Zum Audio-File: Interview mit Ulrich Winchenbach, Leiter Projektteam Weiterbildung / Events, MFG Baden-Württemberg mbH, über das Pilotprojekt der MFG und deren Geschäftsmodell für Webinare.


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