Nicht jeder Print-Text funktioniert im Web

In der Stuttgarter Zeitung sind heute auf einer Seite drei Beispiel zu finden für Stile, die gut auch im Web funktionieren und solche, die weniger gut fürs Lesen am Bildschirm geeignet sind. Die drei Artikel behandeln das Thema “Europäische Hauptstädte und ihre Kopfbahnhöfe”.

Ausschnitt aus Beispiel 1:

“Zugegeben, der Pariser Nordbahnhof ist Stückwerk. An manchen Orten ist er sogar Flickwerk. Da treffen Marmorböden unvermittelt auf dreckigen Asphalt, Lichtoasaen auf finstere Kellertreppen. Da will einfach nicht zusammenwachsen, was zusammengehört. Aber das stört nicht. Die Bewohner der Hauptstadt stört es schon gar nicht. Vielleicht nehmen sie es nicht einmal wahr. Ganz Paris ist schließlich so.”

Dieser Einstieg ist hervorragend geeignet, auch den Online-Leser zu erreichen: Kurze, einfache Sätze (im darauffolgenden Abschnitt werden sie länger, was gut ist, weil der Text sonst zu sehr ins Stakkato geriete). Bildhafte, aktive Sprache (der Bahnhof entsteht vor dem inneren Auge des Lesers und obwohl ein statisches Objekt beschrieben wird, passiert etwas: Marmorböden treffen auf Asphalt usw.). Einstieg mit klarer Aussage: Der Leser weiß sofort, worum es geht.

Ausschnitt aus Beispiel 2:

“Sieht aus wie ein Bahnhof, ist aber keiner. War ein Bahnhof, ist aber ein Palmengarten. Und der Bahnhof, der wirkliche Bahnhof mit Zügen und allem, was dazugehört, liegt versteckt dahinter. So hat Madrid das Problem gelöst, seinen schönen alten Bahnhof, die Estación de Atocha, fürs Hochgeschwindigkeitszeitalter aufzurüsten, ohne an der historischen Bausubstanz zu kratzen. Es hat den alten Bahnhof in einen Palmengarten verwandelt…
Atocha ist der älteste Bahnhof Madrids. 1851 bestieg Königin Isabella II hier den ersten Zug, der die Hauptstadt mit Aranjuez verband, einer königlichen Sommerresidenz 50 Kilometer vor den Toren Madrids.”

Eigentlich ein interessanter, aber doch leicht verwirrender Einstieg. Der Leser muss fünf Sätze überfliegen, bis er den Zusammenhang erfassen kann. Ein klares Bild stellt sich zunächst nicht ein. Im zweiten Abschnitt greift der Autor dann auf detaillierte historische Bezüge zurück, die den Lesefluss erst einmal ausbremsen. Im Vergleich zum ersten Text lebt der Bahnhof hier nicht selbst, sondern er wird von außen beschrieben.

Ausschnitt aus Beispiel 3:

“Der Dichter John Betjeman schwärmte Mitte der sechziger Jahre von der Londoner St. Pancras Station als “Ansammlung von Türmchen und Zinnen, die sich vor einem nebligen Sonnenuntergang abhebt, und der große Bogen von Barlows Bahnhofshalle, die sich gähnend öffnet, um die einfacheren Loks zu verschlingen, und das Hotel in seinem plötzlichen Aufbrausen überschäumender Gotik.” (…) Seit den Dreißigern immer mehr heruntergekommen, sollte George Gilbert Scotts St. Pancras Chambers von 1877, eine polychrome neogotische Phantasmorgie, die ursprünglich als Luxushotel genutzt wurde, einem zeitgenössischen Bahnhofsvorbau weichen.”

Dieser Text mag im Feuilleton der Zeitung seine Anhänger finden, in Konkurrenz mit den beiden oben beschriebenen Texten hätte er im Web aber keine Chance. Schon durch seine Struktur macht der erste Satz den Einstieg schwer – er ist viel zu lang und verschachtelt. Hinzu kommt, dass der Autor den Leser gleich zu Beginn mit Namen und Zusammenhängen konfrontiert, mit denen er Leser unter seinem eigenen Bildungsniveau Hürden in den Weg stellt und die Lust am Weiterlesen nimmt. Wortkombinationen wie polychrome neogotische Phantasmorgien sind weitere Stolperfallen im Lesefluss.

Fazit: Mehr noch als in der Print-Augabe gilt im Web: Ein Text, der den Leser nicht gleich zu Beginn zu interessieren und mitzunehmen vermag, hat geringe Chancen. In der Print-Ausgabe präsentiert sich der Text in seiner Gesamtheit, eine Zwischenüberschrift in der zweiten Spalte kann als Tür funktionieren, wenn der Einstieg den Leser noch nicht überzeugt hat. Am Bildschirm ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass der Leser nach einer solchen Gelegenheit sucht; hier ist die Lesehaltung flüchtiger, und häufig entscheiden die ersten 1,5 Sekunden darüber, ob ein Text überhaupt erst in Angriff genommen wird.


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